Aufmerksamkeit nach Kanal

Aufmerksamkeit je Mediakanal

Warum der Durchschnitt von 2,5 Sekunden in die Irre führt

In aller Kürze: Eine Meta-Analyse beziffert die durchschnittliche Betrachtungsdauer von Werbung auf 2,5 Sekunden. Doch dieser Mittelwert verdeckt enorme Unterschiede zwischen den Kanälen – und erklärt, warum viele Kampagnen trotz hoher Reichweite wirkungslos verpuffen. Connected TV erreicht mit über 95 Prozent View-Through-Rate und 12,2 Sekunden ungeteilter Aufmerksamkeit die höchste Kontaktqualität aller digitalen Kanäle. Social-Media-Werbung erzielt dagegen nur 17 Prozent der TV-Aufmerksamkeit – bei Instagram sehen Nutzer alle 82 Sekunden eine Werbeunterbrechung. Für die Mediaplanung bedeutet das: Reichweitenzahlen aus verschiedenen Kanälen lassen sich nicht unkorrigiert aufsummieren.

Wenn eine neue Kampagne oder ein neues Motiv durch die Kreativagentur vorgestellt wird, ist das für Marketingverantwortliche immer ein besonderer Moment: Der Spot startet bei abgedunkeltem Licht auf dem Großbildschirm im Konferenzraum, das Plakatmotiv wird in einer Powerpoint enthüllt, früher wurden Printanzeigen auf schwarzen Pappen herumgereicht.

Keine dieser Situationen hat auch nur entfernte Ähnlichkeit damit, wie die eigentliche Zielgruppe mit der Werbebotschaft tatsächlich in Kontakt kommt. Nicht nur das Vorwissen der Betrachter hinsichtlich Gegenstand und Ziel der Kampagne ist völlig unrealistisch. Vor allem die Aufmerksamkeit ist unter diesen Laborbedingungen stark verzerrt. Auch bei einem Werbemittel-Pretest werden alle Ablenkungen und Störfaktoren komplett ausgeblendet.

Die Folge: Werbetreibende überfrachten ihre Werbemittel mit zu vielen Botschaften, von denen nur ein Bruchteil durchdringt. Eine Meta-Analyse des Marktforschers eye square mit über 340.000 Teilnehmern zeigt: Nach rund 2,5 Sekunden sind etwa 62,5 Prozent der Betrachter bereits weiter. Der Wirkungseffekt baut sich besonders steil in den ersten zweieinhalb Sekunden auf, danach flacht die Kurve deutlich ab.

Der Durchschnitt täuscht

Doch der Mittelwert von 2,5 Sekunden verdeckt mehr, als er erklärt. Die Unterschiede zwischen den Kanälen sind enorm. TV-Spots erreichen in der eye square Datenbank den Index 100 als Referenzwert. PreRoll-Werbung vor Online-Videos kommt auf Index 60 – also 40 Prozent weniger Aufmerksamkeit. InFeed Ads in sozialen Medien landen bei Index 17 – ein Minus von 83 Prozent gegenüber klassischer TV-Werbung.

Diese Unterschiede haben strukturelle Ursachen. Im linearen Fernsehen reguliert der Gesetzgeber die maximale Werbedauer pro Stunde. Bei YouTube, TikTok und Instagram gibt es solche Grenzen nicht – mit messbaren Konsequenzen: Laut der eye square Studie sehen Nutzer auf YouTube durchschnittlich 13,1 Werbeunterbrechungen pro Stunde, auf TikTok 26,3 und auf Instagram sogar 43,7. Bei Instagram bedeutet das: alle 82 Sekunden eine Werbeunterbrechung. Reizüberflutung ist vorprogrammiert, selektive Wahrnehmung die logische Folge.

TV: Lange Werbeblöcke und der Kampf um Premium-Platzierungen

Das klassische Fernsehen hat eigene Herausforderungen. Im Privat-TV können Werbeblöcke sieben Minuten und länger dauern. Daten von All Eyes on Screens aus dem Vodafone-Panel mit über einer Million TV-Haushalten zeigen sekundengenau, wie die Reichweite innerhalb eines Werbeblocks abfällt. Nicht umsonst stellt die AGF inzwischen Spot-spezifische Reichweitendaten zur Verfügung.

Die TV-Vermarkter reagieren mit Premium-Platzierungen: Splitscreen-Formate unmittelbar vor Sendungsbeginn, die Best Minute vor der Tagesschau oder exklusive Opener-Positionen versprechen höhere Aufmerksamkeit – und erzielen entsprechend höhere Preise.

Hinzu kommt das Second-Screen-Verhalten: Eine Studie von United Internet Media zeigt, dass während des Werbeblocks weniger als ein Drittel der gemessenen Aufmerksamkeit auf den Fernseher entfällt. Smartphone, Tablet oder Laptop erhalten mehr als zwei Drittel der Zuwendung.

CTV: Strukturelle Vorteile ohne Fluchtmöglichkeit

Connected TV bietet strukturelle Vorteile. Die Werbeblöcke sind deutlich kürzer – oft nur ein PreRoll, selbst bei Amazon Prime Video maximal 2,5 Minuten mit sieben bis acht Spots als obere Grenze. Das ist weniger als die Hälfte eines typischen Privat-TV-Werbeblocks.

Der entscheidende Unterschied: Wegzappen ergibt bei CTV keinen Sinn. Wer einen Film oder eine Serie sehen möchte, muss die Werbespots durchsehen, um zum Content zu gelangen. Die Folge: Im CTV-Bereich liegt die View Through Rate bei über 95 Prozent. Die Showheroes-Studie beziffert die Aufmerksamkeitsrate bei CTV auf 82 Prozent gegenüber nur 69 Prozent beim linearen Fernsehen. CTV-Zuschauer schenken der Werbung durchschnittlich 12,2 Sekunden ungeteilte Aufmerksamkeit – fast drei Sekunden mehr als beim klassischen TV.

YouTube: Die 5-Sekunden-Illusion auf dem kleinen Bildschirm

Bei YouTube TrueView-Anzeigen erscheint der Skip-Button erst nach fünf Sekunden. Theoretisch doppelt so viele Sekunden wie die durchschnittlichen 2,5. Doch eine internationale Magna-Studie zeigt: In Deutschland geben Nutzer der Anzeige mental nur etwa zwei Sekunden Zeit – dann warten sie nur noch auf den Skip-Button. Bemerkenswert: 60 Prozent der deutschen Ad-Skipper überspringen aus reiner Gewohnheit, nicht wegen irrelevanter Inhalte.

Ein zusätzlicher Faktor wird oft übersehen: Ein Großteil der YouTube-Nutzung findet auf dem Smartphone statt, nicht auf dem Big Screen. Das Endgerät hat erheblichen Einfluss auf die Kontaktqualität – ein 15-Sekunden-Spot auf einem 6-Zoll-Display erzeugt eine andere Wirkung als auf dem 55-Zoll-Fernseher.

Social Media: Die Aufmerksamkeits-Wüste mit einem unlösbaren Dilemma

Instagram und TikTok sind die größten Herausforderungen für Werbetreibende. Die hohe Werbefrequenz führt zu massiver Werbeblindheit. InFeed Ads erreichen nur 17 Prozent der TV-Aufmerksamkeit. Auch hier gilt: Die überwiegende Nutzung findet auf dem Smartphone statt, oft nebenbei und mit geteilter Aufmerksamkeit.

TikTok selbst empfiehlt Werbetreibenden, die Marke bereits in den ersten drei Sekunden zu zeigen. Das klingt plausibel, widerspricht aber der Plattform-Realität: TikTok-Nutzer entscheiden laut Studien innerhalb von 0,5 Sekunden, ob sie weiterscrollen oder ein Video anschauen. Ist ein Inhalt sofort als Werbung erkennbar, sinkt die durchschnittliche Betrachtungsdauer nochmals deutlich.

Werbetreibende stehen damit vor einem klassischen Dilemma: Wer die Marke früh zeigt, riskiert den sofortigen Scroll-Abbruch. Wer sie spät zeigt, erreicht nur die wenigen Nutzer, die überhaupt so lange dranbleiben. Die Lösung liegt meist in Kreation, die nicht sofort als Werbung erkennbar ist – was wiederum dem Branding-Ziel entgegenstehen kann.

Was bedeutet das für die Kanalwahl?

Zwei Konsequenzen sollten Werbetreibende aus diesen Erkenntnissen ziehen:

Kontaktqualität einpreisen: Ein CTV-Kontakt mit 95 Prozent Completion Rate ist nicht vergleichbar mit einem InFeed-Kontakt bei Index 17. Reichweitenzahlen aus verschiedenen Kanälen lassen sich nicht unkorrigiert aufsummieren.

Endgeräte mitdenken: Smartphone-Kontakte haben eine andere Qualität als Big-Screen-Kontakte. Das gilt für YouTube ebenso wie für Social Media.

Die ersten Sekunden entscheiden nicht nur darüber, ob Nutzer physisch dranbleiben – sondern auch, ob sie mental noch dabei sind. Genau diesen Punkt unterschätzen Kreative regelmäßig: Sie sehen ihren Spot unter Laborbedingungen, mit voller Aufmerksamkeit, im abgedunkelten Konferenzraum. Die Zielgruppe sieht ihn auf einem 6-Zoll-Display, während sie auf die U-Bahn wartet. Wer sich bei der nächsten Vorstellung neuer Kampagnen-Motive an dieser realistischen Kontaktsituation orientiert, hat deutlich größere Chancen, mit seiner Marke tatsächlich durchzudringen.

Wie sich Aufmerksamkeit messen und in bestehende Wirkungsmessung integrieren lässt, beleuchten wir im Artikel zu Attention Measurement: Wie man echte Aufmerksamkeit misst.

Als Online-Marketing-Agentur unterstützen wir Sie gern dabei, genau diese Schritte umzusetzen — von der Kreation über die Mediaplanung bis zur Messung.
Sprechen Sie uns einfach an, wenn Sie überlegen, wie sich Attention Measurement in Ihren Mediamix einfügen lässt oder vereinbaren Sie einen Beratungstermin.