ChatGPT Ads startet in Deutschland:
ChatGPT Ads startet in Deutschland:
Die Preisfrage: Warten oder starten?
Am 24. August hat ChatGPT in Deutschland sowie 30 weiteren europäischen Märkten die Werbefunktion freigeschaltet. Sind ChatGPT Ads das nächste große Ding, ein Riesen-Hype oder einfach nur weiteres Tool für unseren Digitalmarketing-Werkzeugkoffer? NetzwerkReklame Gründer Wolfgang Thomas beleuchtet die verfügbaren Infos und gibt eine erste Empfehlung, ob und für wen die neue AI-Ads sinnvoll sind.
Reichweite: Wie viele Menschen erreicht ChatGPT mit Chatbot-Werbung?
ChatGPT ist trotz der zuletzt starken medialen Präsenz von Claude nach wie vor der Marktführer unter den allgemeinen Large Language Modellen (LLMs): Splendid Research hat im Juni 2026 einen Marktanteil von 73,7% unter KI-Nutzern ermitteln vor Gemini mit 30%. Claude ist bislang nur unter Programmierern, KI-Agenturen-Nutzern und anderen KI-Heavy Usern stärker verbreitet. Hochgerechnet haben etwa 24 bis 25 Millionen (44,8%) der deutschen Bevölkerung im Alter von 18-69 Jahren in den letzten 4 Wochen Chat GPT genutzt. Aktuell arbeiten geschätzt 94% aller KI-Nutzer in den kostenlosen Modellen, womit der Reichweitenverlust durch die Einschränkung auf Free-User gering ist (auch wenn die zahlenden Nutzer natürlich eine wesentlich höhere Nutzungsintensität haben). Damit ist Reichweite wohl ausreichend gegeben für einen erfolgreichen Marktstart von ChatGPT Ads in Deutschland.
Zielgruppen: Wer sind die ChatGPT Nutzer?
Hierzu hält sich OpenAI ziemlich bedeckt, was für Mediaplaner natürlich schwierig ist. Auch die üblichen Markt-Media-Studien wie Best4Planning oder AWA sind wg. mangelnder Aktualität bei der stürmischen Nutzungsentwicklung eine suboptimale Datenquelle. Lt. SimilarWeb fällt derzeit die größte Nutzung bei ChatGPT auf die Altersgruppe der 18-34jährigen mit insgesamt 53% der regelmäßigen Nutzer, was angesichts der Überalterung der Bevölkerung sehr jung ist (Index 231, also eine 2,3 fache Überrepräsentierung bei den Jüngeren). Beeindruckend ist auch die absolute Reichweite mit 13,2 Mio. oder prozentual 80% in dieser Altersgruppe. Weil die 18-35jährigen sowohl als Konsum-Trendsetter als auch für langfristige Entscheidungen im Bereich Finanzen, Familie, Job und Wohnen besonders interessant ist, werden viele Marken hier aufhorchen. Über 65jährige findet man hingegen unter den Nutzern nur mit etwas über 5% Anteil. Alles in allem also eine typische Early-Adopter-Zielgruppe, mit 55% nur etwas männlicher als der Durchschnitt.
Wie sehen die Werbeformen aus?
Unspektakulär fasst es wohl am besten zusammen: eine Kombination aus kleinem Bild, Headline, Absender und sehr kurzem Text. So sehen Millionen andere Native- oder Responsive-Ads eben auch aus. Natürlich ist die Anzeige klar gekennzeichnet, um eine klare Grenze zwischen Content der KI und Werbung zu ziehen. Hier hat ChatGPT einen ähnlichen Spagat zu meistern, wie die Google Suche, nur eben, dass Google-Nutzern das Nebeneinander von bezahlten und organischen Links über Jahre antrainiert wurde. Ob jeder Google-Nutzer beim Anklicken wirklich immer wusste, was gerade ein Paid Link ist und was eine Empfehlung des Algorithmus sei mal dahingestellt.
Insgesamt beantwortet eine KI eine Nutzerfrage nach einer Kaufempfehlung sehr viel direkter und klarer als eine Suchmaschine. Der Eindruck, dass sich KI-Empfehlung und Werbung „widersprechen“ wird bei der KI-Nutzung häufiger auftauchen. Gerade diese gefühlte Nicht-Neutralität stellte Anthropic (Claude) als Konkurrent in den Mittelpunkt der sehr launigen Video-Kampagne gegen Werbung in KI-Chatbots.
Welche Targeting-Kriterien gibt es im OpenAI Ads Manager?
Insgesamt startet ChatGPT mit einer recht begrenzten Auswahl an Targeting-Optionen und folgt damit einem Trend, auf dem sich auch Google und Meta zunehmend bewegen: Kunden sollen die Zielgruppe und Kontexte nur noch sehr grob einordnen, weil die KI angeblich eh besser prognostizieren kann, welche Nutzer in welchem Kontext die richtigen sind. Es wird also weniger Transparenz geboten, dafür mehr blindes Vertrauen erwartet.
„Relevance-weighted second price auction“ nennt sich das Prinzip, nach dem ChatGPT Werbung auswählt und bepreist: die Anzeige wird zum aktuellen Chatverlauf gematcht und ggfs. (falls vom Nutzer freigeschaltet) mit weiteren Personalisierungsmerkmalen abgeglichen. Ergänzt wird noch eine Art Qualitätsfaktor: je besser eine Anzeige zur Suchintention passt, umso günstiger wird es. Es gibt also kein exaktes Keyword-Bidding, sondern nur ein kontextuelles Relevanz-Matching, welches über sog. Context Hints auf Adgroup-Ebene (max. 125 Zeichen) eingestellt werden.
Praktiker lobten an der US-Plattform die hohe Vertrautheit des Selbstbuchungs-Interface (man könnte auch sagen: es sieht ziemlich so aus wie alle anderen Tools von Meta, Google, TikTok etc). Kritisiert wurden die kargen Targetingoptionen, ein nur sehr grobes Regio-Targeting auf Bundeslandebene sowie das Fehlen klarer Keywords, die eine präzisere Einordnung ermöglichen würden als die Suchintentionen. Dies gilt umso mehr, weil ein Session-übergreifendes Beobachten der Nutzerinteressen aus Datenschutzgründen nicht erfolgen soll. Immerhin wird für die Performance-Messung sowohl ein Pixel als auch eine serverseitige Conversions API angeboten, ähnlich wie META CAPI oder Google Enhanced Conversions.
Was kostet Werbung auf ChatGPT?
OpenAI hat sich für den Markteintritt in Europa auf die großen internationalen Netzwerkagenturen fokussiert und fordert gleichzeitig für Pionier-Werbetreibende recht hohe Mindest-Buchungsvolumina für erste Tests. In den USA startete das Angebot z.B. mit mind. 200.000 USD und einem TKP von 60 USD und damit deutlich teurer als praktisch alle anderen digitalen Werbeformen. Es hat also seinen Preis, First-Mover zu sein. Eine Alternative, die auch für NetzwerkReklame Kunden schon jetzt zugänglich ist, wäre eine Buchung über den französischen Vermarkter Criteo, der auch schon den US-Start begleitet hat. Hier geht es je nach Buchungsform bereits mit mind. 10.000 bzw. 50.000 USD los, ebenfalls im Managed Service.
Und was ändert sich, sobald das Selbstbuchungstool freigeschaltet wird (angeblich noch im Q3, also bis Ende September 2026)? Wie mittlerweile üblich im digitalen Marketing gibt es keine formelle Ratecard mit klaren Listenpreisen sondern den bereits erwähnten Auktionsmodus. Im Self Service wird in den USA (bereits live seit Mai 2026) derzeit ein Cost-per-Click in einer Größenordnung von 1,50 bis 4,00 USD berichtet. Vermutlich hätte ChatGPT über Performance-Agenturen im Selbstbuchungsmodus schneller den Rollout der ChatGPT Ads geschafft, aber vielleicht wollte man es auch bewusst langsamer und selektiver angehen lassen, um Nutzer nicht mit einer zu hohen Werbelast zu verstören.
Marktrelevanz: Wie wichtig wird Werbung in Chatbots mit ChatGPT Ads?
Angesichts der schwindelerregenden Investitionen und Bewertungen von OpenAI sucht das Unternehmen händeringend weitere Einnahmequellen neben den Aboerlösen. Werbung ist in den Vorstellungen von Sam Altman eine tragende Säule des Geschäfts: lt. Investoren-Präsentationen von OpenAI wird für das laufende Jahr weltweit mit 2,6 Mrd. USD gerechnet, schon 2030 sollen es über 100 Mrd. USD an Werbeerlösen sein. Das allein wäre ungefähr 2,5 mal so viel wie der gesamte deutsche Werbemarkt. Zur Einordnung: Google/Alphabet hat 295 Mrd. USD an Werbeerlösen in 2025 erzielt, bei Meta waren es 200 Mrd.
Ob das so funktioniert, wird wesentlich von der Nutzerakzeptanz für Werbung aber auch von der Effizienz dieser neuen Werbeform abhängen. eMarketer schätzt den Markt für Chatbot-Werbung mit 1 Mrd. für 2025 und nur 5,4 Mrd. USD für 2030 deutlich pessimistischer ein.
Fazit: Für wen ist ein möglichst schneller Einstieg interessant?
Persönlich finde ich den Markteintritt von ChatGPT in den deutschen Markt wenig schlüssig: wenn die großen Netzwerk-Agenturen als exklusive Partner für den Start das Geschäft ankurbeln sollen, müsste es die passenden Branding-Formate geben. Auch die Preispolitik ist ziemlich ambitioniert für einen Markt, der reichlich Alternativen kennt. Vielleicht ist dieser selektive Markteintritt mit angezogener Handbremse aber auch Absicht: man möchte die Nutzer nicht gleich mit zu viel Werbung überfordern oder verärgern. Dafür spricht auch die Beobachtung, dass im US-Markt der Anteil der ChatGPT Antworten mit Werbung sehr stark schwankte, in den letzten Monaten zwischen 15 und 50%.
Meine Empfehlung daher: Erstmal ein paar Wochen abwarten, bis sich Preise und Funktionen eingependelt haben. Perspektivisch sehen wir ChatGPT Ads eher im Mid- und Lowerfunnel, wobei die bislang ermittelten Klickraten deutlich unterhalb der von Search-Anzeigen lagen. Für einen produktiven Einsatz in Kampagnen wird man die Targeting-Genauigkeit, die Prominenz der Werbeeinbindung sowie das Preisniveau im Auge behalten müssen. Mehr Wettbewerb für Google, Meta und Amazon ist immer eine gute Sache, aber um größere Budgetanteile zu shiften muss ChatGPT noch den Nachweis einer Werbewirkung antreten.





